Matthias Meyer zählt zu den herausragenden zeitgenössischen Malern, die das klassische Sujet der Landschaft in eine moderne, fast spirituelle Bildsprache überführt haben. Seine Werke sind Fenster in eine Welt, in der die Grenzen zwischen Realität und Traum, zwischen fester Materie und flüssiger Auflösung verschwimmen. Besonders seine großformatigen Unterwasseransichten haben ihm internationale Anerkennung eingebracht und gelten als Paradebeispiel für eine Malerei, die das Element Wasser nicht nur darstellt, sondern in seiner Essenz erfahrbar macht.
Die handwerkliche Präzision und das konzeptionelle Gespür Meyers wurzeln in einer erstklassigen Ausbildung. Geboren 1969 in Göttingen, studierte er an der renommierten Kunstakademie Düsseldorf. Dort wurde er Meisterschüler bei Gerhard Richter, einem der einflussreichsten Künstler der Gegenwart. Zudem verbrachte er ein prägendes Jahr als Gastschüler am Chelsea College of Art and Design in London.
Der Einfluss Richters zeigt sich weniger in einer direkten stilistischen Kopie, als vielmehr in Meyers tiefem Verständnis für die Beschaffenheit von Farbe und das Spiel mit der Unschärfe. Meyer hat jedoch einen gänzlich eigenen Weg gefunden: Während Richter oft die Fotografie als Ausgangspunkt nutzt, um die Malerei zu hinterfragen, nutzt Meyer die Malerei, um die Natur in einem Zustand reiner Atmosphäre einzufangen.
Das Geheimnis der Leuchtkraft und Tiefe seiner Unterwasserbilder liegt in einem hochkomplexen Malprozess. Meyer verwendet stark verdünnte Ölfarben, die er in lasierenden Schichten auf die Leinwand aufträgt. Dabei lässt er die Farbe oft kontrolliert fließen, sodass vertikale Strukturen entstehen, die an Lichtstrahlen oder Wasserströmungen erinnern.
Dieser Prozess erfordert höchste Konzentration: Die Farbe muss genau die richtige Viskosität besitzen, um jene charakteristischen Schlieren und Transparenzen zu bilden, die den Betrachter glauben lassen, er blicke tatsächlich durch metertiefes, klares Wasser. Es ist eine Malerei der Schichtung, bei der das Licht nicht von außen auf das Bild zu fallen scheint, sondern aus der Tiefe der Leinwand herausstrahlt.
In seinen Unterwasseransichten bricht Matthias Meyer mit der konventionellen Perspektive. Oft blickt der Betrachter aus der Tiefe nach oben, dorthin, wo das Sonnenlicht die Wasseroberfläche in ein gleißendes Netz aus Reflexionen verwandelt. An anderer Stelle verliert sich das Auge in dichten Teppichen aus Wasserpflanzen oder in der unendlichen Weite des blauen Wassers.
Diese Bilder erzeugen eine physische Reaktion: Man meint, die Stille und den Druck der Tiefe zu spüren. Das Wasser fungiert hier als Raum der Entschleunigung. Es ist ein Ort jenseits des Alltagslärms, ein Ort der Kontemplation und des Unbewussten. Meyer gelingt das Paradoxon, die enorme Dynamik fließenden Wassers in einem Moment absoluter Ruhe festzuhalten.
Meyers Malerei ist ein permanentes Oszillieren zwischen zwei Polen. Tritt man nah an die Leinwand heran, löst sich das Motiv vollständig auf. Man sieht Tropfspuren, feine Farbränder und abstrakte Verläufe – die reine Materialität der Farbe. Tritt man jedoch zurück, setzt das menschliche Auge die Fragmente sofort wieder zu einer hyperrealistisch anmutenden Naturerfahrung zusammen.
Diese Spannung macht seine Werke so zeitlos. Sie sind eine Hommage an die Schönheit der Natur, verweigern sich aber dem Kitsch durch ihre kompromisslose malerische Radikalität. Matthias Meyer zeigt uns nicht einfach Wasser; er zeigt uns die Art und Weise, wie wir sehen, fühlen und uns in der Unendlichkeit des Raumes verlieren können.